Montag, 7. November 2011

Rückschau

Also gut, müde bin ich zwar heute auch ( warum und wieso, soll Petra dann erläutern), aber jetzt gibt’s die Rückschau auf den gestrigen Marathon. Tagwache war um 4:30 um in aller Ruhe das bereits vorbereitete Equipment anzuziehen bzw. in den vorgeschriebenen UPS – Bag einzupacken. Dann ging es gemütlich zu Fuß zum zweiten Österreicherhotel, dem Rennaissance welches etwa 500 Meter entfernt, ebenfalls in der 7th Av. ist. Auf dem Weg dorthin waren schon jede Menge Läufer, teils ziemlich chaotisch unterwegs. Einige wollten unbedingt von mir wissen wo es da zur Fähre nach Staten Island ginge und ich versuchte sie mit Händen und Füssen davon zu überzeugen, dass mir das völlig wurscht ist, weil ich mit einem gecharterten Bus fahren würde. Naja jedenfalls wartete selbiger Bus bereits vor dem Hotel und damit war ich diesen Stress schon einmal los. Natürlich kam einer der Teilnehmer prompt 5 Minuten nach dem letzten Termin und so durften wir alle warten. Ich packte inzwischen halt mein Frühstück ( Foto ) aus, welches ich auf der etwa 40 minütigen Fahrt nach Staten Island aß. Eigentlich wäre es ja eh spannend gewesen mit der Fähre rüberzufahren,aber wie sich herausstellen sollte, kamen sehr sehr viele Läufer mit Bussen. Staten Island wo der Start erfolgt, ist nur via Fähre oder über die Verrazano – Narrows Bridge zu erreichen und da man gleich am Start eben über diese Brücke wieder zurück nach Brooklyn läuft, wird die Brücke ab 7:00 gesperrt, hat es geheissen. In Wirklichkeit war sie fast bis 8 Uhr offen weil ein derartiger Andrang an Bussen war. Als wir in Staten Island aus den Bussen stiegen, wurden wir sofort von den Helfern mit enthusiastischen Anfeuerungsrufen ( Come on guys, this is your Day ! ) oder so irgendwie, in Richtung Startgelände getrieben. Dort war es noch ziemlich leer und auch fast noch finster, aber eine Altherren – Band tat schon ihr bestes und das war wirklich nicht schlecht. Wir Österreicher suchten uns ein schönes Platzerl und ließen uns um einen Baum herum, an dem wir unsere Flagge hissten, nieder. Von Minute zu Minute strömten mehr Menschen auf das Gelände, manche hatten sogar Schlafsäcke oder Luftmatratzen mit. Wir holten uns Gratiskaffee und Wasser und beobachteten staunend das Treiben. Trotz der nahezu endlosen Reihen der WCs ging für jedes Mal Klo gehen eine gute halbe Stunde drauf und da wir reichlich tranken, war die Zeit bald um. Inzwischen kam auch die Sonne heraus und es war eigentlich nicht kalt. Daher entschloss ich mich als einziger Österreicher oben und unten kurz zu laufen und verstaute mein restliches Gewand bis auf eine alte Joggingjacke im UPS Bag den wir um 8:30 zu den bereitstehenden UPS Lastern brachten. Danach begaben wir uns ganz gemächlich in den mit der Startnummer verbundenen Start – Corral. Um 9:10 ertönte zum ersten Mal die gesungene Hymne und der Kanonenschuss zum Start der Profi – Frauen, um 9:40 dann das Ganze für die 1. Welle Allgemein. Dann durften wir von der 2.Welle aufrücken und Bumm erklang auch für uns der Startknall. Bis zum Überschreiten der Startlinie dauerte es schätzungsweise 8 – 10 Minuten und dann ging es sofort die riesige fast 3 Kilometer lange Varrazano – Narrows – Bridge hinauf. Ich traute meinen Augen nicht als plötzlich ein Hubschrauber genau auf Brückenhöhe auftauchte und uns damit quasi in die Augen schaute. Echt gewaltig. Ich lief mehr oder weniger mit dem Tempo der Masse mit weil an ein großartiges Überholen wegen der Masse an Menschen ohnehin nicht zu denken war. Dabei liefen auf meiner Spur eh nur die Läufer des orangen Blocks der 2.Welle und der blaue und grüne Block hatte bis Meile 3 ja eine eigene Streckenführung, erst danach trafen wir alle zusammen. Es gab von den Österreichern einen 4 Std. Zug der von einer erfahrenen Läuferin mit einer Bestzeit unter 3 Stunden angeführt wurde. Ich war mit dieser Gruppe bis zum Start immer beisammen, habe mir aber vorgenommen nicht mit ihr zu laufen. Eigentlich war diese Gruppe gleich nach dem Start etwa 150 Meter vor mir und das blieb dann auch so, bis ich etwa bei km 5 an ihnen vorbeizog. Dann lockerte sich das Gedränge komischer Weise ein bisserl auf obwohl jetzt alle auf der gleichen Bahn liefen. Aber an ein wirklich freies Laufen war natürlich nicht zu denken und das bleib eigentlich bis ins Ziel so. Ich konnte jetzt aber regelmäßig überholen und ich glaube ich habe insgesamt sicher mehr als 2000 Läufer überholt. Die Stimmung war gigantisch, es waren sehr viele Cops auf der Strecke und auch die feuerten uns größtenteils mit lautem rufen und Händeklatschen an. Ich hatte auf meinem Leiberl Austria und darunter Andy stehen und andauernd tönte es von irgendwo her „ Come on Austria Andy, great Job!!“ Es war eine durchgehende Kolonne an Zuschauern, teilweise in mehreren Reihen und ein gewaltiges Gekreische, Gepfeiffe und Geklatsche. An den Verpflegungsstationen ( jede Meile !!) türmten sich die Becher auf den Tischen und danach auf der Straße und laut Veranstalter spielten 130 Bands entlang der Strecke und mir kam es auch ganz so vor. Ich genoß die Stimmung und lief ohne jemals auf die Uhr zu schauen mit absolut gutem Gefühl dahin, knipste mit meiner Kamera mal hier – mal dort, schenkte (fast) jedem“ come on Andy Austria“ Rufer und ganz sicher jeder Ruferin ein Lächeln und den erhobenen Daumen.Dann kommen wir plötzlich in eine Gegend wo die Geschäfte arabisch beschriftet sind, auf den Gehsteigen und vor den Häusern gehen und stehen Juden mit Zöpfen, Hüten und schwarz gekleidet. Niemand nimmt von uns Läufern Notiz, die tun einfach so als ob wir nicht da wären, ich glaube ich spinne ! Die Stimmung ist wie mit der Schere abgeschnitten. Das Ganze dauert aber nur einen einzigen Straßenzug und dann ist wieder alles beim Alten. Hie und da nahm ich an den Labestationen einen Becher Gatorade und sonst bemühte ich mich an den Labestationen schön in der Mitte zu bleiben und über keinen der tausenden Becher zu fallen. Als wir dann bei Meile 15 (km25) Queens über die Queensborough Bridge verlassen wollten passierte es plötzlich. Am Anfang der Brücke war irgendeine Eisenschiene im Boden und bei der kippte ich mit dem linken Fuß nach innen. Ein Stich – ein Schreck – Schmerz und Angst. War’s das jetzt ? Zwei Schritt weiter – Au! Noch zwei Schritt weiter – naja! 5 Schritt weiter – geht ja! Ja weiter geht’s! Ich laufe also weiter auf der Brücke, es zieht wie im Vogelhäusel, die Schritte der hunderten Läufer hallen, es steigt und steigt, immer mehr Läufer gehen nur mehr. Ich habe den höchsten Punkt erreicht, jetzt geht es runter aber das ist auch nicht lustiger, den Fuß spüre ich schon noch, aber ich bin wieder zuversichtlicher. In einem scharfen Eck biegen wir in die 1st Avenue und ich glaube ich spinne, plötzlich stehen die Menschen links und rechts in 10er Reihen!! So etwas habe ich noch nie erlebt und werde ich wohl nie mehr erleben, es geht 3,5 Meilen kerzengerade auf der 6 – 8 Spurigen 1st Avenue dahin und links und rechts nur Menschen Menschen Menschen. Ich laufe halbwegs in der Mitte weil ich das dauernde „Andy Austria great Job come on“ schon gar nicht mehr hören kann, es geht mir nämlich gar nicht besonders great! Bei Meile 18 (km30) ist ein Österreicher Fan Treff bei dem auch Petra wartet vereinbart und ich halte nach roten Fahnen ausschau. Gerade noch rechtzeitig schwenke ich an den linken Rand, Petra drückt mir eine Fahne in die Hand und macht ein Foto, weiter geht’s ! Meine Oberschenkel beginnen sich zu melden, ich habe leider meine Nahrungsergänzer daheim verwechselt und hatte keine Mineralstoffe mit um in den letzten Tagen aufzudanken und daher „maulen „ jetzt die Muskeln. Aber das hat wiederum den „Vorteil“ dass ich meinen Knöchel nicht mehr spüre, also spitze weiter geht’s ! Immer mehr Läufer gehen oder stehen am Straßenrand und versuchen die Muskel zu dehnen, bei km 36 taucht rechts der Central Park auf in dem das Ziel ist. Ich weiß jedoch dass wir die gesamte Länge des Parks entlang laufen müssen und daher hält sich meine Freude in Grenzen. Bei km 38 schwenken wir in den Park hinein und von meinen Läufen in den letzten beiden Tagen hier weiß ich, dass es jetzt zwar leicht bergab, dann aber nochmals richtig bergauf geht. Etwa 2000 Meter vor dem Ziel laufe ich an einem am Rand gehenden Läufer aus unserer Gruppe vorbei, ich versuche ihn zu animieren mit mir mitzulaufen, aber er schaut mich nur stumm an und schüttelt den Kopf. Knapp nach dem 25 Meilen Schild zeigt mir ein neben mir laufender Asiate mit zwei zusammengeführten Fingern an wie knapp er an einem Krampf ist, meine Oberschenkel brennen wie Feuer und in meinen rechten Fingern hab ich ihn schon – den Krampf, hoffentlich bleibt er dort. Es kommt ein Schild 800 Yards und es geht richtig bergauf, aua aua. Es kommt ein Schild 500 Yards und es liegt jemand am rechten Rand, ein anderer Läufer und 2 Helfer bemühen sich um den am Boden liegenden. Es kommt das Schild 300 Yards und ich sehe das Ziel, ich bin durch und drücke meine Pulsuhr ab. 3:57:36 ! Fast direkt auf der Ziellinie spricht mich ein Schweizer an:“Hallo Andy, machst du bitte ein Foto von mir?“ Er drückt mir seinen Fotoapparat in die Hand und ich drücke 2 x ab, einmal hoch – einmal quer, er strahlt und umarmt mich. Gleich darauf nochmals das Gleiche mit einem Ami und schon werden wir weitergeschoben, bekommen eine Folie die das Auskühlen verhindern soll in die Hand gedrückt und weiter geht’s in der Menge, stets von den Helfern angefeiert:“ Hey Guys you did a great Job, see you next Year again !“Rechts neben ist eine Wand wo NYC Marathon 2011 aufgedruckt ist und Fotographen lauern davor.Schnell bekommen wir noch mit einem“ Congratulation“ von einer unglaublich dicken schwarzen Helferin die Finishermedaillie umgehängt (zur großen Erleichterung ohne Bussi ;-)) ) und schon stehe ich vor der Fotowand – klick. Zu kaufen gibt’s das dann im Internet. Dann werde ich nochmals etwa 200 Meter weitergeschoben wo unsere Reisebetreuerinnen mit der Kamera warten, wieder klick klick. Die Tempomacherin des 4 Std. Zuges kommt auch gerade daher und sagt, dass keiner der anderen das Tempo halten konnte und sie alle verloren hat. Ich gehe noch ziemlich lange weiter bis ich endlich zum LKW der mein Gewandsackerl hat komme und endlich schön langsam trockenes Gewand anziehen kann. Jaja man glaubt gar nicht wie schwer das Anziehen einer alten Jogginghose ist, wenn man Haarscharf an der Kippe zu einem Krampf steht. Dann mache ich mich auf den Weg ins Hotel, der gar nicht so weit wäre, würde ich überall gehen können wo ich gehen sollte, aber es sind solche Massen an Menschen auf den Straßen, dass die Polizei immer wieder Absperrungen errichtet und so brauche ich ziemlich lange bis ich im Hotel bin. Auf dem Weg wird mir 2 x von fremden Menschen auf die Schulter geklopft und mir attestiert dass ich einen „great Job“ getan habe und eigentlich fühle ich mich auch so.

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